Geburtshelferkröte  (Alytes obstetricans (Laur.,1768))

(Syn.: Fesslerkröte, Glockenfrosch)

(Syn.: Bufo obstetricans)

EU-Code: 1191

Artspezifisch geeignete Kartiermethoden (Methodensteckbriefe)

1. Bestandserfassung (Ersterhebung)

1.1.1. Kartiermethode: Verhören, Sichtbeobachtung, Reusenfang, Keschern
  • Verhören: Registrierung rufender adulter Individuen.
  • Sichtbeobachtung: Suche nach adulten Tieren in ihren Tagesverstecken unter Totholz, Brettern oder Steinen.
  • Reusenfang, Keschern oder Sichtbeobachtung zur Erfassung von Larven: Keschern nach Larven; bei übersichtlichen Gewässern ist auch die Sichtbeobachtung tags und nachts mit Taschenlampe ausreichend für Aussagen zu Reproduktionserfolg. 2 Reusen-Erfassungen mit Angabe diesjähriger und vorjähriger Larven, wenn vergleichende Aussagen zu Aktivitätsdichten und Populationsentwicklung erforderlich sind. Einsatz von Kastenreusen (je 5 m Uferlinie 1 Reuse, bei Uferlinie >50 m alle 10 m eine Kastenfalle) oder Kombination Flaschen-/Eimerreusen (je 5 m Uferlänge eine Dreiergruppe Flaschenreusen und eine Eimerreuse). Zum Bau, zum Einsatz und zur Handhabung der Reusenfallen vgl. Schlüpmann 2009, 2014, Kronshage et al. 2014).
  • (Berücksichtigung von Fängen an Fangzäunen, wenn diese für andere Arten aufgestellt werden.)
1.1.2. Termine/Zeitaum:
  • Sichtbeobachtung / Verhören (Adulti): 5 Untersuchungstermine im Zeitraum Ende April bis Ende Juli (witterungsbedingte Änderungen möglich). Sichtbeobachtung (Adulti, ggf. Eigelege tragende Männchen, ggf. Jungtiere, Beeinträchtigungen) im Bereich der Laichgewässer tagsüber erfassen; abends am selben Tag nach Sonnenuntergang Verhören rufender Individuen. Bei Begehung Nr. 5 ist das Verhören nachrangig.
  • Larven: Erfassung diesjähriger und letztjähriger Larven durch 2 Durchgänge Reusen-Erfassungen oder alternativ durch 2 Durchgänge Keschern oder Sichtbeobachtung in der Zeit von Juli-Anfang August.
1.1.3. Günstige Tageszeit:
  • Verhören nach Einbruch der Dunkelheit bis 23:00/24:00 Uhr (danach nehmen die Aktivitäten der adulten Tiere ab). Registrierung von Rufaktivitäten besonders vor und nach Gewittern und Regenperioden.
  • Sichtbeobachtung: nach Larven tagsüber und nachts mit Taschenlampe. Ergänzende Nachsuche adulter Tiere unter Tagesverstecken ganztägig möglich.
  • Reusenerfassung: Ausbringen der Reusen tagsüber, Fangzeit über Nacht, Kontrolle am nächsten Tag; Reusen in der Zeit von 14:00 Uhr-18:00 Uhr aufstellen und am Folgetag zwischen 6:00 Uhr und spätestens 14:00 Uhr wieder einholen. Hinweis: bei hohen Temperaturen sollte unbedingt versucht werden, die Fallen erst gegen Abend auszubringen und am nächsten Morgen bis 10:00 Uhr eingeholt zu haben um Individuenverluste zu vermeiden.
1.1.4. Günstige Witterungsbedingungen:
  • Begehungen nach Regen an warmen Tagen. Keine Erfassung in Frostnächten. Keine Erfassung in den sehr trockenen Wochen der Sommermonate.
1.1.5. Auswertung der Bestandserfassung:
  • Abschätzung der Populationsgröße durch Verhören und Sichtbeobachtung der Tiere. Reproduktionserfolg wird durch Ergebnisse der Reusenfänge bzw. Keschern/Suche von Larven belegt.
  • Veränderungen Aktivitätsdichten und Populationsentwicklung durch Vergleich der Fangergebnisse mehrerer Jahre.
1.1.6. Hinweise:
  • Die Geburtshelferkröte lebt in Kolonien in unmittelbarem Umfeld der Laichgewässer. Bei einzelnen Laichgewässern ist der Jahreslebensraum im Radius von max. 150 m anzunehmen. Bei Habitat- und Laichgewässerkomplexen z. B. in Abgrabungen ist ggf. der gesamte Abgrabungsbereich einzubeziehen.
  • Berücksichtigung der bei der Nachtbegehung (Verhören) durch Sichtbeobachtung ermittelten adulten Tiere und Larven.
  • Der Einsatz von akustischen Klangattrappen hat sich nicht bewährt. Auf den Einsatz von Klangattrappen kann verzichtet werden.
  • Larven der Geburtshelferkröte lassen sich sehr gut mit Molchreusen (Trichterfallen) nachweisen. Eine kombinierte Bestandserfassung mit dem Kammmolch oder Urodelen allgemein ist sehr gut möglich.
  • Die Reusen sind fachgerecht anzuwenden, um Tierverluste zu vermeiden.
  • Rufaktivitäten der Geburtshelferkröte lassen ab Juni stark nach und können ab diesem Monat nicht mehr systematisch erfasst werden.
  • Durch eine teilweise zweijährige Entwicklung der Larven bis zum metamorphosierten Tier können überwinternde und daher sehr große Larven der Geburtshelferkröte schon sehr zeitig im Jahr nachgewiesen werden.
  • Ermittlung der Quartierfunktion durch Nachsuche im terrestrischen Lebensraum (Nachsuche unter Steinen, unter Totholz), z. B. in Gesteinsabgrabungen oder im Umfeld des Laichgewässers innerhalb von Waldstandorten, an (steinigen) Böschungen oder Trockenmauern und auf Halden. Dabei sehr vorsichtiges Vorgehen, um nicht die Tagesverstecke z. B. durch Tritt zu gefährden.
  • Zur Bestandermittlung sind mehrere Kontrollgänge notwendig. In der relativ langen Fortpflanzungsperiode ist immer nur ein Bruchteil der Männchen am Fortpflanzungsgeschehen beteiligt und ruft.
  • Die Anzahl der Rufer auf engem Raum in größeren Kolonien ist oft nur abschätzbar; genaue Zahlen sind kaum zu ermitteln, aber die Größenordnung der Kolonie ist abschätzbar. Bei dieser Art rufen Männchen und Weibchen, aber oftmals nur ein kleiner Teil der Tiere einer Kolonie.
  • Eine genaue Abschätzung der Reproduktion der Population ist in übersichtlichen Habitaten durch das Auszählen der abgestreiften Laichpakete möglich.
  • Bei speziellen Fragestellungen zur Anwanderrichtung aus den Winterlebensräumen kann ein Zaun mit Fangeimern am Laichgewässer oder die Auslage von künstlichen Verstecken (Bretter, größere Steinplatten) im nahen Umfeld des Laichgewässers Nachweise bringen.
  • Im Zusammenhang mit Kartiertätigkeiten in (semi-)aquatischen Lebensräumen haben sich hochinfektiöse Amphibienkrankheiten (Ranaviren, Chytridiomykose) in den vergangenen Jahren zu einer schwerwiegenden Bedrohung für die heimische Amphibienfauna entwickelt. Es ist dringend geboten, die Ausbreitung der Krankheitserreger zu erschweren. Kartierer, die sich in (semi-)aquatischen Lebensräumen von Amphibien aufhalten, müssen dringend die Hygieneregeln der Universität Trier einhalten, die vom LANUV im Jahr 2015 als “Hygieneprotokoll” veröffentlicht wurden. Zur Verhinderung der Übertragung eines Krankheitserregers zwischen Populationen sollten bei einem Wechsel zwischen zwei Gewässern die Stiefel, Kescher, Fallen etc. gründlich mit Wasser gereinigt und desinfiziert werden und alles anschließend gut getrocknet werden. Hintergrundinformationen sowie das Hygieneprotokoll des LANUV finden sich unter: https://www.lanuv.nrw.de/natur/artenschutz/amphibienkrankheiten/

Literatur

  • Hessisches Ministerium für Umwelt, ländlicher Raum und Verbraucherschutz – Abteilung Forsten und Naturschutz (HMULV 2006, Hrsg): Natura 2000. Die Situation der Amphibien der Anhänge II und IV der FFH-Richtlinie in Hessen, zusammengestellt von C. Geske, 158 S., Wiesbaden.
  • Kronshage, A., Kordges, T., Herhaus, F. u. Feldmann, R. (2011): 3.6 Geburtshelferkröte – Alytes obstetricans. - In: Arbeitskreis Amphibien und Reptilien in Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Handbuch der Amphibien und Reptilien Nordrhein-Westfalens, Band 1: 461-506.
  • Kronshage, A., Schlüpmann, M., Beckmann, C., Weddeling, K., Geiger, A., Haacks, M. u. Böll, S. (2014): Empfehlungen zum Einsatz von Wasserfallen bei Amphibienerfassungen. In: Kronshage, A. u. D. Glandt (Hrsg.): Wasserfallen für Amphibien – praktische Anwendung im Artenmonitoring. – Abhandlungen aus dem Westfälischen Museum für Naturkunde 77: 293 – 358.
  • Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV, 2010): FFH-Arten und Europäische Vogelarten; Online unter http://www.naturschutzinformationen-nrw.de/ffh-arten/de/arten/gruppe/amph_rept/liste, Stand Februar 2014.
  • Schlüpmann, M. u. Kupfer, A. (2009): Methoden der Amphibienerfassung – eine Übersicht. S. 7-84 in: Hachtel, M., Schlüpmann, M., Thiesmeier, B. u. Weddeling, K. (Hrsg.): Methoden der Feldherpetologie. – Zeitschrift für Feldherpetologie, Supplement 15.
  • Schlüpmann, M. (2009): Ökologie und Situation der Geburtshelferkröte (Alytes obstetricans) im Raum Hagen (NRW). – Zeitschrift für Feldherpetologie 16: 45-84.
  • Schlüpmann, M. (2014): Untersuchungen und Monitoring von Amphibien mit Wasserfallen aus einfachen Mitteln. In: Kronshage, A. u. D. Glandt (Hrsg.): Wasserfallen für Amphibien – praktische Anwendung im Artenmonitoring. – Abhandlungen aus dem Westfälischen Museum für Naturkunde 77: 117 – 160.